Deutschland wohin?
Ein gesellschaftpolitischer Vortrag von Prof. Dr. Heinz Ries, Uni Trier

Für gesellschaftspolitisch interessierte und politikbewusste Menschen eine Bestätigung des täglich gefühlten Unbehagens und im Ergebnis eine Bekräftigung der Empfindungen. Prof. Dr. Heinz A. Ries, der auf Einladung der Tawerner SPD nach Tawern gekommen war, vermochte in seinem einstündigen Vortrag, dem eine fast zweistündige Diskussion folgte, den Zuhörern Sicherheit in der Bewertung der derzeitigen Situation zu vermitteln.

Sein an anderer Stelle publiziertes Thesenpapier  "Die neoliberale Gesellschaft" ist in der Überschrift wie folgt eingeleitet:
"Die derzeitige gesellschaftliche Situation und ihre Trends sind Teil der neoliberalen Vision, leider in einer weitgehend auf die Wirtschaft reduzierten Form. Die Versatzstücke der neoliberalen Wirtschaftsdoktrin zu ermitteln fällt nicht schwer, werden sie uns doch fast tagtäglich um die Ohren gehauen: Wettbewerb, Wachstum, Leistung, Deregulierung, technologischer Fortschritt, Globalisierung, alle als Garant der Vollbeschäftigung und des Wohlstandes für alle."

Deutschland wohin? Professor Ries, gebürtiger Schweizer mit deutschem Pass, beschrieb in der Vortragsveranstaltung den hochinteressierten Zuhörern die Entwicklungsspur des amerikanischen Superkapitalismus aus der Sicht renommierter amerikanischer Ökonomen. Die Parallelen mit den Entwicklungen und Verhältnissen in unserem Land und in Europa zeigten sich während des Vortrages. Sein Bogen vom Demokratischen Kapitalismus der Zeit von 1948 bis 1972, von den Wissenschaftlern als eine Zeit der angemessenen Teilhabe breiter Bevölkerungsschichten an den Erlösen der Produktivität verstanden, spannte sich dann ab 1974 bis heute zu einer fast unumkehrbaren Verteilungsänderung mit allen bekannten Auswüchsen zum Nachteil der abhängig beschäftigten Bevölkerungs. In Kürze beschrieb er zehn Entwicklungskomponenten des Superkapitalismus von der Welle technologischer Entwicklungen in den 70er Jahren bis hin zur Deregulierung des ganzen Finanzsektor in den 80er mit den häufigen Wirtschaftskrisen und des ausufernden Lobbyismus der Konzerne in den 90er Jahren. Die technologische Innovation und deren Wirkungen erläuterte er am Beispiel des Handelspunktes „Seehafen“. Wo früher Tausende Menschen Tag und Nacht beschäftigt waren, erledigen heute elektronische Steuerungsanlagen den Verlad riesiger Containermengen mit großer Präzision, Schnelligkeit und Zuverlässigkeit und ersetzen menschliche Arbeitskraft. Konzerne und Megamärkte im ständigen brutalen Wettbewerb bieten den Kunden ein gigantisches Produktangebot. Durch die Globalisierung und Deregulierung fielen für die Konzerne und großen Handelsketten, wie z.B. Wal-Mart, Handelsbeschränkungen und die nationale Einbindung. Wie die amerikanischen Wissenschaftler verdeutlichen, kennt der Superkapitalismus wenige Gewinner, die überwiegende Zahl der Amerikaner sind Verlierer. Dies zeigte Ries anhand einer großen Zahl von Anzeichen aus der Arbeitswelt, dem Alltagsleben bis hin zu den klassischen Indikatoren der Wirtschaft, wie Arbeitslosigkeitsrate und wirtschaftliches Wachstum.

Der Superkapitalismus konnte das Versprechen, dass es allen durch Globalisierung, Privatisierung, Deregulierung besser gehen werde, nicht einlösen.

Die aus dem Zuhörerkreis gemachte Feststellung, dass auch die Solidarität der arbeitenden Menschen untereinander schwinde, machte Ries wieder am Beispiel USA fest: 1955 waren 37% der amerikanischen Arbeitnehmer gewerkschaftlich organisiert. Im Jahre 2006 gerade noch 8 Prozent; ein Ergebnis  gezielter Gewerkschaftsfeindlichkeit. Wieder eine Parallele zu „Deutschland wohin?“. Gespannte Aufmerksamkeit auch bei Ries` Ausführungen zur derzeit auch in Deutschland aktuellen Diskussion um die Managergehälter. Er wolle beileibe keine Neiddiskussion entfachen, er verwahre sich aber gegen die Angstmache aus Politik und Wirtschaft, Deutschlands Spitzenmanager könnten bei durchschnittlich dreieinhalb Millionen Euro Jahressalär Abwanderungsgedanken hegen. Die hätten keinen Grund zum Gehen, denn diese Honorare lägen höher als der Durchschnitt in Amerika und in anderen Ländern. Kein Geheimnis: sowohl in den USA als auch bei uns: die Zahl der Reichen und Superreichen und deren Einkommen steigt unaufhaltsam. Die amerikanischen Zahlen dazu: die Summe der Bruttoeinkommen der 1% Topverdiener in den Staaten stieg 1990 bis 2000 von 483 Milliarden Dollar auf 1,38 Billionen Dollar. Hingegen ist das durchschnittliche Einkommen der amerikanischen Arbeitnehmer bis hinein in die Mittelschicht im Vergleich zu den 70er Jahren geringer geworden. Weitere negative Entwicklungen zeigen sich im Anstieg der Kriminalitätsrate, in der Schleifung der Demokratie durch den Lobbyismus, U-Boote in der öffentlichen Verwaltung und den Drehtüreffekt *) bei amerikanischen Parlamentariern und als Folge der Privatisierung die Reduktion des öffentlichen Bereichs und Spaltung der Gesellschaft. Auch Ries vermochte die Frage nach der Umkehr dieser Entwicklung nur perspektivisch zu beantworten. Die Forderung nach besserer Bildung und tiefergehenden ökonomischen Lerninhalten für alle Schichten wären ein erster Schritt.

Die Menschen müssten erkennen, so die Warnung der amerikanischen Wissenschaftler, wohin die Wege führen, wenn Deutschland, wenn Europa den amerikanischen Superkapitalismus übernehme. Das von vielen Menschen gefühlte Unbehagen fand in der fast dreistündigen Veranstaltung plausible Antworten, warum die Dinge so sind wie sie von einer Mehrzahl der Bevölkerung empfunden werden. Die Frage „Deutschland wohin?“ wurde von Professor Ries überdeutlich beantwortet.

Die USA heute:
Vertrauensverlust 2007 gegenüber 2002: 26 von 33 Ländern hielten die USA als größere Gefahr als jene Länder, die Bush zur „Achse des Bösen“ zählte. (Pew Research Center **)
oder
Al Gore am 17. Juli 2008: „Mir fällt keine Zeit ein, in der in unserem Land so viele Dinge schief gelaufen sind.“

*) Als „Drehtür-Effekt“ – oder im Englischen „Revolving Door“ – wird der fliegende Wechsel von Führungspersonen zwischen Politik und Wirtschaft bezeichnet.

**) Das Pew-Forschungszentrum, engl. Pew Research Center, ist eine Organisation mit Basissitz in Philadelphia und Niederlassung in Washington, D. C.. Das Zentrum bezeichnet sich als Faktenfabrik, engl. fact tank, und ermittelt Informationen, Meinungen und Trends, die die Vereinigten Staaten und die Welt betreffen; „Pew“ ist der Familiennname der vier Begründer.